COMMENTAIRES



Christian Gangneron Regisseur
Hier wird allen Sinnen etwas geboten, und das in jeder Hinsicht: musikalisch, darstellerisch, kulinarisch. Alles ist auf raffinierte Weise ausgeheckt, komponiert und angerichtet. Die warme und flexible Stimme von Mareike Schellenberger sowie ihre musikalische Intelligenz tun Wunder in diesem Repertoire: mit welcher Eleganz und genießerischer Schalkhaftigkeit sie uns die elektrisierenden Lieder von Oscar Strasnoy darbietet! Und wenn Sie ebenso von der Anmut der beiden Schlangenfrauen-Tänzerinnen angetan waren, (...) dann gehen sie in dieses köstliche Kabarettl’ und lassen sich gehen!

Anne Montaron Produzentin France-Musique
Es gibt tausend und einen guten Grund, ins „Kabarettl’“ der Sängerin Mareike Schellenberger und der Pianistin Mara Dobresco zu gehen. Für dieses „zeitenthobenen“ Schau-Spiel, jenseits jeglicher Konventionen, hat sich zu den beiden eine Truppe von höchstpoetischem Potential zusammengefunden: ein Akrobat-Jongleur, eine Tänzerin und eine Schlangenfrau, deren Auftritte wie Zaubermomente wirken, dessen Bann man sich nicht entziehen möchte.
Das Publikum nimmt aktiv an diesem zeitgenössischen Kabarett teil; gefüttert mit Worten, Klängen... selbst durch die Kostüme von Sylvie Skinazi (großartig die Hüte!), die an die Zwanziger-Jahre erinnern, wird es einbezogen und mitgerissen.

Sämtliche Sinne werden geweckt und angeregt durch Wohlgerüche und kulinarische Leckerbissen, die jeweils zwischen den Chansons serviert werden. Man befindet sich irgendwo zwischen Pierrot Lunaire, dem „Chat Noir“ und Lulu!
Treffsicher im Ton serviert Mareike Schellenberger mit ihrer vollen und sinnlichen Stimme genüsslich die bitter-süssen Texte, die sich irgendwo zwischen Wahn und Sinnlichkeit befinden; beschwört die Bitterkeit jener Zeiten herauf, in denen Männer und Frauen versuchten, der Härte und dem Wahnsinn einer Epoche zu entrinnen, sei es durch Zerstreuung oder sei es den Brüchen und bedrohlichen Schatten in Gebärde oder Wort Ausdruck zu verleihen. Kabarettl’ lädt dazu ein, eine Vermählung des Lebenstaumels mit der Vorstellungskraft zu zelebrieren; wir werden gleichsam mitgenommen in den Wirbel, und wie sehr bewegend ist das!
Die Verse von Frank Wedekind, Otto Julius Bierbaum, Hugo Salus, Kurt Schwitters, Hans M. Enzensberger, Rainer Werner Fassbinder, Jean-Jacques Schuhl, C. F. Feiling und Catherine Peillon sind sowohl Variationen über die Mühe(n) des Lebens als auch über die Schwierigkeit zu lieben. Und dabei hat dies Bitter-Süße, das die so sehr intensiven Darsteller mit ihren träumerischen und verführerischen Augen, mit ihrer stellenweise fast „abwesenden“ Präsenz – kurz: ihrer poetischen Aura - zur Geltung bringen, nichts Trauriges oder Verzweifeltes an sich.
Man fühlt in diesem Kabarettl‘, das Daniel Sultan (der hier zudem als Koch fungiert) mit der Bühnenbildnerin Sylvie Skinazi nach der Idee von Mareike Schellenberger umgesetzt hat, den Puls einer Epoche schlagen; der heutigen, die im Klangspiegel dreier äußerst einfühlsamer Komponisten - Luis Naón, Oscar Strasnoy und Stefan Lienenkämper - mit eben dem „Ohr am Puls der Zeit“ eingefangen wird; aber auch der von gestern, die noch eigentümlich nah ist: es ist das Gestern der „Brettl-Lieder“ von Schönberg.


Caroline Ginet Bühnenbildnerin
Ich habe mir in Montreuil eine Aufführung von Kabarettl’ angesehen.
Dabei handelt es sich um eine Darstellungsform, die das Wesen des Kabaretts der Vorkriegszeit in Deutschland aufgreift und das Wesentliche davon beibehält, nämlich die Provokation, die mit einer gewissen melancholischen Milde eingefärbt ist. Die Chansons ziehen sich durch das ganze 20. Jahrhundert bis auf den heutigen Tag. Mit ihrer großartigen Stimme, ihrem Spiel und ihrer Bühnenpräsenz versetzt uns die Darstellerin Mareike Schellenberger in die Welt von Ingrid Caven, wenn die Fassbinder spielte, aber auch in den
Blauen Engel mit Marlene Dietrich…
Bier wird hier allerdings nicht getrunken, vielmehr genießt man köstliche Speisen, die Daniel Sultan mit Meisterhand und in voller Entfaltung seiner Kochkunst zubereitet hat. Die Gerichte werden von einer Schlangenfrau, einer Tänzerin und einem Akrobaten aufgetragen. Dies alles geht in einem lautlosen und humorvollen Ballet vonstatten, wobei sich die kleine Truppe in großartigen Kostümen bewegt, die Sylvie Skinazi entworfen hat. All das ist einfach sehr schön, sehr feinsinnig und ungemein bereichernd.

Silvia Baggio Choreographin
Kabarettl‘. Was für eine köstliche Idee, den Zuschauer in seiner Seh- und Hörgewohnheit vor den Kopf zu stoßen, indem man ihm den üblichen Kontext entzieht und ihn in eine Situation versetzt, in der sich das (intime?) Vergnügen des Geschmackssinnes unter das für den Zuschauer gewöhnlichere des Sehens und Hörens mischt. Was für eine wunderschöne Idee, die Oralität des Kauens klanglich mit der delikaten und subtilen Oralität mitschwingen zu lassen, die Worte und Melodien hervorbringt. Ein Programm, das die Mezzosopranistin glänzend interpretiert und spielt.
Zwischen einem Teller, den man uns reicht, und einem Glas, das man uns wieder abnimmt, gerät man in den rhythmischen Sog der Darbietung; dies geschieht ganz zwangsläufig, quasi mit der sanft-nachdrücklichen Dringlichkeit, die das Laufwerk einer Uhr ausübt, die aber jeden Augenblick auch unregelmäßig werden könnte, wird doch dem Unvorhergesehenen ein Hintertürchen offen gehalten (eine Zuschauerin, die ihren Tellern noch nicht wieder hergeben möchte und die von den Kellnern/Tänzerin-Akrobat-Jongleur-Schlangenfrau gebeten wird, schnell aufzuessen). Eine Darbietung, die in vielerlei Hinsicht einen Genuss darstellt: sie ist poetisch und witzig, berührend und lebendig.

Robert Expert Opernsänger
Kabarettl‘: schöne, statuenhafte Frauen, ein unwiderstehlicher Jongleur, der das Publikum in Empfang nimmt, ein Koch mit einer riesigen Kochmütze, der sich an die Arbeit macht: kaum hat man sich an seinem Bistrotisch niedergelassen, spürt man schon, dass da einiges auf einen zukommen wird... und tatsächlich wird der Zuschauer vom Erstaunen hin zur Bewunderung, von einem Lächeln zu Gaumenfreuden gelockt und geleitet, bis ihm am Schluss das Talent und die höchst professionelle Darbietung von Mareike Schellenberger und Mara Dobresco, vor allem bei den Meisterwerken von Oscar Strasnoy, schon fast auf den Magen schlagen; allein schon deshalb wäre es unverzeihlich, sich diese Veranstaltung entgehen zu lassen….

Catherine Peillon Produzentin, Autorin
Da wird gegessen, getrunken, geträumt… Zusammen mit ihren Komplizen bietet uns Mareike Schellenberger eine verblüffende Stunde, Kunstzauber wie aus dem Changierbeutel, ein feines Abendessen, eine bei aller Komik fesselnde und tragische Geschichte, Gaukeleien und Kunststückchen, Augenzwinkern, Erinnerungen. Einfach alles, was eine echte Sensation ausmacht. Um den Hut herum, den wir niemals ganz erkunden werden, reiht sich ein Gesang an den anderen, Urtexte, onirisches Urland.
Dieser Hut, der dem Bürger vom spitzen Kopf fliegt, der umherwirbelt und Veränderungen durchmacht, ist der rote Faden einer neuen Revolte. So läuft das nun mal bei Revolutionen, seien es die von Kurt Schwitters oder der Argentinier Oscar Strasnoy und Luis Naón, oder aber des jungen Berliners Stefan Lienenkämper.

Luis Naón Komponist, Professor
Das
Kabarettl‘, das sich Mareike Schellenberger da ausgedacht hat, ist von überraschender Schönheit und Meisterhaftigkeit.
Inszenierung und Verköstigung sind deliziös und von höchster Raffinesse. Dargeboten wird all dies von Mara und Mareike, die mit ihrer geradezu magischen Interpretationskunst diese sehr anspruchsvollen musikalischen Seiten so hinreißend zum Erklingen zu bringen, als wäre nichts leichter als das …
Ein Schauspiel, das man sich ruhig mehr als einmal ansehen sollte!

Jean-Pierre Pero Videokünstler
(...) Wir sind in einem Kabarett, und wenn es als eine noch ziemlich einfache Übung gelten kann, sich im Geiste in diese Epoche zurückzuversetzen und sich diese auszumalen, nimmt das Dispositiv gerade den Aspekt der Zeitlichkeit ins Visier.
Und der betrifft uns, so wie wir hier an einem Tisch sitzen und, gerade im Kauen begriffen, plötzlich mit einer dazwischengeschalteten Service- und Kellnerkomödie befasst werden, die uns daran erinnert, dass unsere Anwesenheit hier eine teilnehmende ist und wir, indem wir betrachten, zugleich selbst auch betrachtet werden, und dies bei gleichzeitig gegenwärtiger Musik und von singendem Fleisch, dessen Stimmbänder wir genießerisch kosten, - höchst willkommen ist dieser deliziöse Schmaus unseren Geschmacksknospen, unseren Augen und unseren Ohren, kurz: unseren erweckten Sinnen. Eine gelungene Veranstaltung.

Übersetzungen der Rezensionen ins Deutsche: Elisabeth Sasso-Fruth


Stefanie Kessler Musikerin
Überwältigend die vielfältigen Sinnesfreuden im Kabarettl'-Programm von Mareike Schellenberger!
Kulinarische Köstlichkeiten serviert vom strengen „Chef de cuisine“ und launigen Tänzer-Kellnerinnen, umspielt von poetischen Choreographien und Jongleurskunst der hintergründigen Art , ein beeindruckendes Bühnenbild, das  wie ein Stilleben von George Bracques wirkt und schließlich die Sängerin Mareike Schellenberger  mit berückendem darstellerischem Talent und einer so flexiblen wie ausdrucksstarken Stimme . Da bleiben keine Wünsche offen! 
Herrscht zunächst mit den Brettl Liedern von Schönberg ( kongenial am Klavier begleitet von Mara Dobresco)noch die gelöst-verführerische Atmosphäre des Kabaretts der feinen Berliner Kreise zu Beginn des 20.Jahrhundert wird man spätestens bei Strasnoys bedrückend in Szene gesetztem Lied „Schlaftablette“ unweigerlich und soghaft in die Tiefe gezogen und findet sich am „Weltende“ (eigens für das Programm komponiert  von Stefan Lienenkaemper) wieder und endet im großartig sinistren Tango „Común Requiebro“ von Luis Naón .
Ein wahrhaft jegliche Sinne berührender  Abend mit ganz besonderem Charme, dessen Atmosphäre vom Anfang des 20. Jahrhunderts ausgeht, aber durch die Kompositionen von Strasnoy , Lienenkaemper und Naón eine Brücke ins 21.Jahrhundert schlägt und auf unaufdringlich subtile Weise Parallelen zur heutigen Situation zieht.


Markus Zugehör Musiker
Ein Abend voller leichtfüßiger  Melancholie. Schrägheit, die  Herz, Hirn und Gaumen inspiriert und beglückt. Großartige Musik, Sängerin und Akrobaten. Kabarett ist eine ernste Sache !