Kabarettl'

Stacks Image 716
« Dem Bürger fliegt der spitze Hut vom Kopf »

ist der erste vielzitierte Satz des Gedichts « Weltende » (1910) von Jakob van Hoddis, das in der Literaturgeschichte oft den Beginn des Expressionismus markiert.

Die Monarchie verliert die Krone, das Bürgertum seine Hüte, die Gesellschaft ihre gewohnte Ordnung. « Kabarettl’ «  ist inspiriert von der explosiv-kreativen Kraft des beginnenden 20sten Jahrhunderts. Hierarchien im gesellschaftlichen Bereich sowie gewohnte Strukturen in Kunst und Musik brechen auf. Expressionismus, Dadaismus, Kubismus, Surrealismus, Dodekaphonie entstehen. Künstler versuchen in Clubs, Cafés, Kabaretts dem neuen, nervösen Lebensgefühl Ausdruck zu geben. Im Café Voltaire in Zürich, im « Chat noir » in Paris und im « Überbrettl’ » in Berlin ist man frivol, politisch, satirisch und pikant. Ganz im Sinne dieser poetisch-subversiven Foren die sich in Kaffeehäusern und Bars in Szene setzten, ist « Kabarettl’  ein zeitgenössisches « Spektakel mit Restauration », d. h. neben dem Augen-und Ohrenschmaus, wird der des Gaumens direkt mit-inszeniert. Die Zuschauer des Kabarettl’ befinden sich sozusagen als Bargäste inmitten und mitten auf der « Brettl-Bühne ».

Gesellschaftspolitische Umbrüche bergen viel kreatives aber auch destruktives Potential. Die beiden grossen Kriege des letzten Jahrhunderts zeugen davon. Heute greift die Zerstörung vor allem unseren direkten Lebensraum an. Das Gedicht von Jakob van Hoddis ist aktueller denn je :

…und an den Küsten-liest man- steigt die Flut
Der Sturm ist da, die wilden Meere hupfen
An Land um dicke Dämme zu zerdrücken…

Jenseits von musealer Wiederholung spielt « Kabarettl’ » einerseits mit Stilelementen des Dadaismus und Kubismus des beginnenden 20 Jahrhunderts, sucht aber andererseits Brüche und Umbrüche der Jetztzeit zu belachen und zu beweinen.

Mit seinem Programm : « Brettl-Lieder » von Arnold Schönberg, dem Text « Mein neues Hut » von Kurt Schwitters und vor allem den zeitgenössischen Cabaret-Songs von Oscar Strasnoy, Stefan Lienenkämper und Luis Naon, versteht sich « Kabarettl’ » als möglicher Steg zwischen dem beginnenden 20. und 21. Jahrhundert.

Mareike Schellenberger (Nov. 2013)